Glassnode: LTH-Akkumulation signalisiert Bodenbildung trotz ETF-Abflüssen

Der Bitcoin-Markt zeigt eine seltene Divergenz: Auf der einen Seite stehen US-Spot-ETFs, die weiter Kapital abfließen lassen und den Preis unter Druck halten. Auf der anderen Seite zeigen On-Chain-Daten von Glassnode, dass langfristige Halter – sogenannte Long-Term Holders (LTH), also Adressen, die ihre Coins seit mindestens 155 Tagen nicht bewegt haben – erstmals seit Monaten wieder netto akkumulieren. Genau dieser Eigentümerwechsel ist es, den Marktanalysten als frühestes Warnsignal einer Bodenbildung einordnen.
54 Prozent der Supply im Verlust – schärfste Deterioration des Zyklus
Laut dem jüngsten Week Onchain Report von Glassnode befinden sich aktuell rund 10,83 Millionen BTC in einer Verlustposition – gemessen am Kaufpreis der haltenden Adressen. Dem stehen nur noch 9,22 Millionen BTC gegenüber, die noch in der Gewinnzone liegen. Die Verlust-Supply übertrifft die Gewinn-Supply damit um rund 1,61 Millionen BTC, was einem Anteil von 54 Prozent der gemessenen Gesamtsupply entspricht.
Glassnode beschreibt dies als eine der schärfsten Verschlechterungen der Anlegerprofitabilität seit Beginn des laufenden Bullenmarkts – ein Schwellenwert mit realer psychologischer Wucht. Das Überschreiten dieser Marke ist in der Vergangenheit häufig mit echter Kapitulation unter neueren Käufern zusammengefallen, der Art von Stress also, die strukturelle Drawdowns prägt.
Kurzfristig erzeugt das Verkaufsdruck. Übergeordnet aber signalisiert eine solche Verteilung, dass der Großteil des schwachen Kapitals bereits in den Markt hineingekauft hat und nun unter Wasser sitzt – womit das Potenzial für erzwungene Anschlussverkäufe tendenziell sinkt. Wie Analysen zur Realized Price zeigen, markieren solche Niveaus häufig potenzielle Bewertungsböden im Zykluskontext.
LTH drehen – Akkumulation breitet sich über alle Wallet-Kohorten aus
Genau hier setzt das konstruktive Signal an: Glassnode verweist darauf, dass langfristige Halter ihre Netto-Positionsveränderung zurück ins Positive gedreht haben – eine Umkehr nach einer ausgedehnten Distributionsphase, in der LTH Gewinne in Stärke hinein realisierten. Das Tempo bleibt moderat, deutlich unterhalb früherer Akkumulationswellen, aber die Richtung hat sich geändert.
Glassnosdes Accumulation Trend Score – ein zusammengesetzter Indikator, der das Kaufverhalten über Wallet-Größenklassen hinweg abbildet – kletterte diese Woche quer über mehrere Kohorten. Die stärksten Lesungen zeigen Wallets unter 1 BTC sowie Entitäten mit 100 bis 1.000 BTC. Auch die Kohorte der 1.000- bis 10.000-BTC-Wallets ist netto auf die Käuferseite gewechselt. Die Akkumulation ist damit keine Whale-Anomalie, sondern verteilt sich über das gesamte Eigentümerspektrum.

Dem gegenüber stehen die US-Spot-Bitcoin-ETFs, die weiterhin in anhaltenden Netto-Abflüssen verharren. Glassnode beschreibt die Konstellation treffend: Die ETF-Geschichte erklärt, warum der Preis schwach bleibt – die On-Chain-Geschichte erklärt, wer die Gegenseite nimmt. Institutionelle Beobachter wie Bitwise sehen in ähnlichen Mustern erste Signale einer Bodenbildung.
Derivatemärkte und Szenarien: Kapitulation oder kontrollierte Migration?
Im Derivatebereich zeichnet sich ein gespaltenes Bild ab. Auf Coinbase und Binance verschieben sich die Orderbücher laut Glassnode Richtung Bid-Seite – Käufer platzieren Liquidität unterhalb des aktuellen Kurses. Auf der Derivateplattform Hyperliquid halten Trader eine Long-Bias auf dem höchsten je von Glassnode gemessenen Niveau, nutzen also gehebeltes Kapital, um einem Bounce vorwegzugreifen, bevor dieser im Spotmarkt bestätigt ist.
Gleichzeitig stieg die 14-Tage-Put-Call-Ratio im Optionsmarkt über die Marke von 1,0 – der höchste Stand seit einem Jahr. Die implizite Volatilität zieht aus gedrückten Niveaus an, ohne dass Glassnode das Niveau bereits als Panik-Lesart klassifiziert. Der Markt trägt genug Angst, um mit der Bodenbildung zu beginnen, aber möglicherweise noch nicht genug, um eine abgeschlossene Kapitulation zu bestätigen.

Glassnode skizziert vier mögliche Szenarien: Im Bullenfall verlangsamen sich die ETF-Abflüsse, während LTH und breite Wallet-Kohorten weiter akkumulieren – die Transferphase wird zum Boden. Im Basisfall chopt Bitcoin seitwärts, die Verlust-Supply hört auf zu wachsen, die Erholung bleibt aber ungleichmäßig. Im Bärenfall werden die gehebelten Hyperliquid-Longs ausgewaschen, die Volatilität spikt, und die Bodenbildung vollzieht sich durch ein schärferes Kapitulationsereignis. Im Versagensszenario lässt die LTH-Akkumulation nach, ETF-Abflüsse dominieren weiter, und der Markt pausiert lediglich innerhalb eines breiteren Drawdowns. Analysten, die ein finales Bärenmarkttief untersuchen, verweisen auf ähnliche Divergenzkonstellationen als historische Wendepunkte.
Was als nächstes entscheidend ist
Die Kernfrage lautet, ob die ETF-Abflüsse langsam genug abklingen, um die On-Chain-Akkumulation nicht dauerhaft zu überwältigen – und ob die überfüllten Long-Positionen auf Hyperliquid geordnet durch Preisstärke abgebaut werden oder durch einen erzwungenen Flush. Solange keines dieser Risiken eskaliert, deutet das Zusammenspiel aus bid-schweren Orderbüchern, breiter Kohorten-Akkumulation und LTH-Umkehr auf einen Prozess hin, der typisch für frühe Bodenbildungsphasen ist.
Ein Boden zeigt sich zuerst im Eigentümerwechsel – lange bevor er sich im Preis abbildet. Genau das, argumentiert Glassnode, ist das ungewöhnliche Muster, das sich gerade beobachten lässt: institutionelle Verkäufer auf der einen, geduldiges On-Chain-Kapital auf der anderen Seite.
