Binance US: CEO Gregory setzt auf Nullgebühren und Derivate-Lizenzen für das Comeback

Binance US meldet sich nach einer zweijährigen regulatorischen Zwangspause zurück – und CEO Stephen Gregory setzt sofort ein konkretes Ziel: 20 Prozent Marktanteil im US-Spot-Handel, etwa in der Größenordnung des früheren Niveaus. Das Signal ist eindeutig, die strukturellen Hürden sind es ebenso.
Gregory legt die Comeback-Strategie offen
Gregory, ein Compliance-Veteran, der im März 2026 als CEO berufen wurde, beschreibt die vergangenen zwei Jahre selbst als „Hibernation“ – einen erzwungenen Stillstand, ausgelöst durch die Regulierungsturbulenzen rund um die globale Binance-Marke. Die Wiederaufbau-Strategie beginnt beim Preis: Binance US hat die Maker-Gebühren auf 0 Prozent gesenkt und berechnet Takern lediglich 2 Basispunkte. Das neue Gebührenmodell ist dabei sehr nah an einem No-Fee-Ansatz.
Der Ansatz ist klassisch aggressiv: Volumen durch Preisführerschaft aufbauen, während parallel Einnahmen über Custody und ergänzende Dienste entstehen sollen. Gregory betont, er nehme den Wiederaufbau der Liquidität persönlich in die Hand – inklusive direkter Kontaktaufnahme mit den Top-Nutzern der Plattform für Feedback. Das ist ungewöhnlich für einen Börsenchef, zeigt aber den Abstand zur aktuellen Ausgangslage.
Getrennte Einheit, gemeinsamer Name – eine schwierige Gleichung
Binance US operiert als eigenständige US-Gesellschaft mit eigener Governance-Struktur und ist ausschließlich für amerikanische Kunden lizenziert. Der gemeinsame (beneficial) Eigentümer und die gemeinsame Marke mit Binance.com bleiben jedoch Tatsache – und genau das war während der Turbulenzen rund um die globale Binance-Marke ein Kernpunkt der Abgrenzungsfrage. Als das globale Binance-Netzwerk unter massiven regulatorischen Druck geriet, flohen amerikanische Trader, weil die rechtlichen Auseinandersetzungen der Konzernmarke die US-Tochter „durch Assoziation“ mit in Mitleidenschaft zogen.
Gregory unterstreicht die rechtliche und operative Trennung seither konsequent. Ob das bei institutionellen und professionellen US-Kunden verfängt, dürfte entscheidend davon abhängen, wie klar die Compliance-Geschichte der kommenden Monate ausfällt – und wie schnell sich das Orderbuch tatsächlich füllt. Zum Vergleich: Berichte aus dem Markt deuten darauf hin, dass ein führendes US-Handelshaus die tiefste BTC-Orderbuchtiefe unter den Vergleichsgrößen besitzt; im April 2026 lag die BTC-Orderbuchtiefe im ±2-Prozent-Bereich bei etwa 19,5 Millionen US-Dollar.
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Regulatorisches Fenster: Derivate, Perpetuals, Prediction Markets
Die eigentliche Wachstumsoption liegt nicht im Spot-Segment. Gregory verweist darauf, dass ein günstigeres regulatorisches Umfeld in den USA Binance US erlauben könnte, über das Spot-Geschäft hinauszugehen. Die Erwartung ist, dass neue Lizenzen zusätzliche Produktlinien wie Derivate, Perpetual Futures und Prediction Markets ermöglichen.

Genau hier liegt das strategische Gewicht des geplanten CLARITY Act – einem Marktstrukturgesetz, das den Zuständigkeitsbereich von SEC und CFTC über digitale Assets klären soll. Sollte der CLARITY Act in seiner aktuellen Form scheitern oder verwässert werden, verschiebt sich der Lizenzzeitplan für Binance US erheblich. Das Gesetz befindet sich noch in der Beratungsphase und ist politisch umstritten.
20 Prozent – ambitioniertes Ziel, dünne Ausgangsbasis
Das Ziel ist messbar, aber die Ausgangslage ist ernüchternd. Coinbase hat eine führende Position im US-Spot-Handel, Kraken baut sein Angebot aggressiv aus. Kurzfristig senkt Binance US die Kosten deutlich, strukturell aber entscheidet Orderbuchtiefe und Derivatelizenz über den nachhaltigen Marktanteil.

Das No-Fee-Modell ist nur tragfähig, wenn Custody und Nebenprodukte ausreichend Ertrag generieren. Das ist keine neue Strategie – Robinhood hat sie im Aktienhandel etabliert, mit bekannten Implikationen für Transparenz und Ausführungsqualität. Ob der Vergleich für US-Kryptohändler überzeugend ist, bleibt die offene Frage.
Ausblick: Regulierung entscheidet den Zeitplan
Entscheidend für das Tempo des Comebacks ist weniger die Gebührenstruktur als der regulatorische Kalender. Derivate-Lizenzen sind ein zentraler Faktor – ohne sie bleibt Binance US für das Angebot über Spot hinaus eingeschränkt. Marktstrukturgesetze wie der CLARITY Act sowie die Vergabe zusätzlicher Lizenzen durch zuständige Regulierer werden in den kommenden Quartalen zeigen, ob Gregory seine Wachstumspläne überhaupt umsetzen kann.
Für europäische und institutionelle Beobachter ist das US-Geschehen auch deshalb relevant, weil die Abgrenzung zwischen Binance.com und Binance.US sowie die dadurch entstehenden Regulierungs- und Compliance-Effekte auch für andere Märkte eine Rolle spielen können.