WSJ-Recherche: Polymarks Fake-Wett-Kampagne erreichte 140 Mio. Views

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Patrick Krauss ist Krypto-Autor mit Schwerpunkt auf Marktnews und Plattform-Vergleichen. Bei Cryptonews DE schreibt er vor allem Krypto-News und Branchenmeldungen. Darüber hinaus analysiert er...

Zuletzt aktualisiert am: 

Die Prediction-Market-Plattform Polymarket steht nach einer Recherche des Wall Street Journal unter schwerem Beschuss: Das WSJ dokumentiert, wie das Unternehmen Content-Creatorn Geld zahlte, um auf täuschend echten Kopier-Websites inszenierte Wettgewinne zu filmen – und diese Clips anschließend viral zu verbreiten. Für die Integrität einer Plattform, die sich als Benchmark für Markterwartungen positioniert hat, ist das ein strukturelles Glaubwürdigkeitsproblem.

Was das WSJ konkret dokumentiert

Die Untersuchung umfasste laut The Block insgesamt 1.105 Videos von zehn „Featured Creators”, gepostet zwischen Dezember 2025 und Mitte Mai 2026. In rund 70 Prozent dieser Videos war eine Wette zu sehen – doch keine einzige davon stellte eine reale Order auf der Live-Plattform dar. Die Clips entstanden auf Dummy-Sites wie „poiymarket” oder „ymarket”, die dem echten Polymarket-Interface optisch nahezu identisch waren.

Besonders gravierend ist die Diskrepanz zwischen Schein und Realität: Die Creators präsentierten in den Videos kumulierte „Gewinne” von rund 1,9 Millionen US-Dollar. Eine Überprüfung durch das WSJ anhand tatsächlicher Marktdaten ergab, dass die dargestellten Positionen real betrachtet einen Verlust von rund 166.000 US-Dollar generiert hätten.

Organisiert wurde die Kampagne über einen Marketingdienstleister namens Virality, der ein sogenanntes „Offshore-Clipping-Netzwerk” koordinierte. Dieses verteilte die inszenierten Clips quer über TikTok, YouTube und Instagram – mit einem geschätzten Gesamtreichweite von über 140 Millionen Views. Die Creators, überwiegend College-age-Influencer, erhielten laut WSJ zwischen 2.000 und 3.000 US-Dollar pro Monat und wurden angewiesen, den Sponsored-Charakter der Inhalte nicht offenzulegen.

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Regulatorischer Hintergrund und Kontext

Polymarket ist kein unbeschriebenes Blatt in Sachen Regulierung. Im Januar 2022 verhängte die U.S. Commodity Futures Trading Commission (CFTC) – die amerikanische Aufsichtsbehörde für Derivatemärkte – eine Geldbuße von 1,4 Millionen US-Dollar gegen das Unternehmen und ordnete die Abwicklung unregistrierter, ereignisbasierter Binäroptionsmärkte für US-Nutzer an. Seitdem operiert Polymarket als Offshore-Plattform und ist für amerikanische Retail-Investoren faktisch nicht erreichbar.

Gleichzeitig betrieb das Unternehmen aktiv eine Mainstream-Legitimierungsstrategie: 2024 schloss Polymarket eine Partnerschaft mit Dow Jones, um Prediction-Market-Daten in redaktionelle Inhalte einzubinden. Ob Dow Jones diese Kooperation nach den WSJ-Enthüllungen neu bewertet, gilt als eine der zentralen offenen Fragen. Ebenfalls unter Beobachtung steht, ob CFTC, FTC oder SEC Marketingpraktiken dieser Art als regulatorisch relevante Täuschung einstufen.

Implikationen für den Prediction-Market-Sektor

Für regulierte Wettbewerber wie Kalshi – das derzeit eine CFTC-Zulassung für Event-Kontrakte anstrebt – dürften die Enthüllungen kurzfristig vorteilhaft sein. Das Narrativ „onshore, beaufsichtigt versus offshore, intransparent” gewinnt durch den Fall erheblich an Schärfe. Kalshi kann sich nun klar von Praktiken abgrenzen, die im Kern klassische Influencer-Fraud-Muster bedienen, wie sie aus dem Bereich unlizenzierter Trading-Apps und Casino-naher Plattformen bekannt sind.

Sollte eine formale Untersuchung durch U.S.-Behörden folgen, stünde Polymarket vor dem Problem, dass die CFTC-Vorgeschichte aus 2022 als Erschwerungsgrund gewertet werden könnte. Die Plattform hat nach Beginn der WSJ-Recherchen die Dummy-Sites offline genommen und viele Creator haben die Videos still gelöscht – ein Verhalten, das regulatorische Beobachter in der Regel eher als Indiz denn als Entlastung werten.

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