Coinbase-Mitgründer steigt ins venezolanische Ölgeschäft ein
Fred Ehrsam, Mitbegründer der Kryptobörse Coinbase, hat mit seinem Unternehmen Primavera Produktionsbeteiligungsverträge mit dem staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA unterzeichnet, wie das „Wall Street Journal“ berichtet. Der Einstieg fällt in eine Phase, in der US-Präsident Donald Trump massiv auf eine Reaktivierung der maroden venezolanischen Ölindustrie drängt.
Damit trifft ein branchenfremder Krypto-Unternehmer auf ein geopolitisch hochsensibles Umfeld, in dem politische Beziehungen offenbar mehr zählen als operative Erfahrung.
Vom Hotelzimmer in Caracas zum Ölvertrag
Ehrsam gründete Coinbase 2012 im Alter von 24 Jahren und gilt seither als eine der prägenden Figuren der US-Kryptoindustrie. Im März dieses Jahres berief Trump ihn in seinen Technologiebeirat, nachdem Ehrsam Trumps kryptofreundlichen Kurs und dessen Gesetzesinitiativen unterstützt hatte – ein Engagement, das auch im Kontext des gescheiterten CLARITY Act immer wieder Fragen zur Nähe zwischen Kryptoindustrie und Weißem Haus aufwirft.
Laut WSJ-Bericht verbrachte Ehrsam Monate in einem Luxushotel in Caracas, um Kontakte zu Regierungsvertretern und Managern zu knüpfen. Primavera sicherte sich zunächst Aufträge für weniger begehrte, aber potenziell lukrative Felder im Ölblock Budare, einer Region mit leichterem Rohöl. Das WSJ berichtet zwar, Ehrsam habe sich in Verhandlungen auf Gespräche mit der Trump-Regierung bezogen, er habe aber nicht angedeutet, dass das Weiße Haus seine Bemühungen offiziell unterstütze.
Schweröl statt Software
Venezuela verfügt mit schätzungsweise 303 Milliarden Barrel über die größten Ölreserven der Welt, dabei handelt es sich aber überwiegend um Schweröl, das nur mit spezieller Fördertechnik und Raffinerien verarbeitet werden kann. Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank (HCOB) beziffert den Break-even gegenüber ntv.de auf rund 60 US-Dollar je Barrel – vergleichsweise hoch, selbst wenn das aktuelle Preisniveau darüber liegt.
Etablierte Konzerne bewegen sich entsprechend vorsichtig: Chevron will sieben Milliarden Dollar investieren, Eni hat sich nach eigenen Angaben Exklusivrechte für die Erkundung des Ölfelds Junin 5 gesichert, GE Vernova soll die Energieinfrastruktur ausbauen. ExxonMobil und ConocoPhillips halten sich dagegen bislang zurück – ein Signal dafür, wie unklar die Risikolage bleibt, ähnlich wie bei anderen sanktionsnahen Öldeals, etwa im Zusammenhang mit Krypto-gestützten iranischen Ölverkäufen.
Politische Seilschaften statt Marktlogik
De la Rubia geht davon aus, dass die Neuvergabe von Projekten alles andere als ein marktgetriebener Prozess ist und politische Seilschaften eine dominante Rolle spielen dürften. Loyle Campbell vom Zentrum für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) hält es für höchst unwahrscheinlich, dass ein neues Unternehmen unter Leitung einer Person ohne Branchenerfahrung venezolanische Ölfelder in nennenswertem Umfang eigenständig betreiben kann.
„Die Ölförderung ist keine digitale Plattform, keine Finanzdienstleistung und kein Kryptoprodukt, das sich durch Software, Kapital und unternehmerische Schnelligkeit skalieren lässt“, gibt Campbell zu bedenken.
Konzessionen auf Zeit
Für den Marktzugang bleibt Primavera auf die größtenteils veraltete, unzuverlässige und politisch umstrittene Infrastruktur von PDVSA angewiesen. Campbell nennt zudem Diebstahl, Korruption, Sabotage, lokale Unsicherheit und ungewisse Zugangsrechte als tägliche Risiken vor Ort.
Die USA haben sich durch das Abkommen mit Venezuela Zugang zu mehr als 65 Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven gesichert, der Pakt soll mindestens 25 Jahre laufen. Wie belastbar solche Zusagen über einen derart langen Zeitraum sind, bleibt jedoch offen: „Politischer Einfluss mag heute den Zugang zu Vermögenswerten ermöglichen. Er bietet jedoch keine Garantie für Schutz nach einem Machtwechsel in Washington“, so Campbell.
Quelle: n-tv.de