Bitcoin: Kommt der große Liquiditätsknall?

Bitcoin galt lange als einer der sensibelsten Märkte für globale Liquidität. Immer dann, wenn Zentralbanken die Geldmenge ausweiteten, Anleiherenditen fielen und mehr Kapital ins Finanzsystem floss, profitierte häufig auch Bitcoin. Anleger betrachteten die Kryptowährung zunehmend als eine Art Hochbeta-Asset auf globale Liquidität – also als Markt, der überschüssiges Kapital besonders stark absorbiert.
Gerade in Phasen expansiver Geldpolitik entwickelte sich deshalb oft eine enge Korrelation zwischen Bitcoin und der weltweiten Geldmenge. Doch genau dieses Verhältnis scheint nun zu bröckeln. Obwohl die globale Liquidität zuletzt weiter gestiegen ist, bleibt Bitcoin deutlich hinter früheren Reaktionsmustern zurück.
Laut neuen Daten von Bitwise und dem Makro-Analysten André Dragosch notiert die historische Beziehung zwischen Bitcoin und globaler Geldmenge inzwischen auf einem Extremniveau, das in den vergangenen zehn Jahren kaum beobachtet wurde. Genau daraus könnte nun jedoch eine explosive Situation entstehen.
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Bitwise-Experte sieht „komprimierte Energie“ bei Bitcoin
Laut André Dragosch, Head of Research bei Bitwise Europe, erleben wir aktuell eine der ungewöhnlichsten Marktphasen der vergangenen Dekade. Grundlage seiner Analyse ist ein Modell, das Bitcoin und Gold relativ zur globalen Geldmenge untersucht. Dabei wird mithilfe eines sogenannten Z-Score-Modells gemessen, wie stark Bitcoin aktuell von seinem historischen Verhältnis zur weltweiten Liquidität abweicht.
Besonders auffällig: Der aktuelle Wert liegt inzwischen unter der Marke von minus zwei Standardabweichungen. Historisch wurden solche Extremwerte meist nicht lange gehalten. Genau deshalb hält Dragosch die aktuelle Situation für potenziell hochspannend. Für ihn gibt es im Kern nur zwei Möglichkeiten: Entweder die jahrzehntelange Beziehung zwischen Bitcoin und globaler Liquidität funktioniert plötzlich nicht mehr – oder der Markt steht vor einer heftigen Gegenbewegung.
Dragosch bezeichnet das Ganze als „Coiled Spring Thesis“, also als Theorie einer zusammengedrückten Feder. Seine Argumentation: Während die globale Geldmenge weiter wächst und die Zentralbanken mittel- bis langfristig erneut expansiver agieren könnten, habe Bitcoin diese Entwicklung bislang kaum eingepreist. Stattdessen wirke der Markt wie komprimiert. Die Energie staut sich gewissermaßen auf, ohne dass sie sich bereits im Kurs entladen hat.
Genau darin sehen viele Makro-Bullen aktuell enormes Potenzial. Denn sollte Bitcoin wieder stärker an die globale Liquidität koppeln, könnte die Aufholbewegung entsprechend dynamisch verlaufen. Historisch reagierte Bitcoin in solchen Situationen oft überproportional. Dragosch spricht deshalb von einer möglichen „violent mean reversion“ – also einer aggressiven Rückkehr zum historischen Mittelwert.
Für Anleger bleibt die Lage dennoch riskant. Denn noch gibt es keinen klaren Beweis dafür, dass die historische Korrelation tatsächlich zurückkehrt. Dennoch beobachten immer mehr Analysten genau diese Entwicklung, weil der Abstand zwischen Liquiditätsentwicklung und Bitcoin-Bewertung inzwischen historisch extrem geworden ist.
Bitcoin-Power-Law signalisiert ebenfalls eine günstige Bewertung
Auch das sogenannte Bitcoin-Power-Law-Modell deutet derzeit auf eine mögliche Unterbewertung hin. Dieses Modell beschreibt die langfristige Preisentwicklung von Bitcoin anhand eines logarithmischen Wachstumspfads. Historisch bewegte sich Bitcoin dabei über Jahre hinweg relativ zuverlässig innerhalb bestimmter Trendkanäle. Laut dem Investor Joe Burnett von IIICapital müsste Bitcoin auf Basis dieses Modells aktuell bereits bei rund 163.500 US-Dollar notieren. Tatsächlich liegt der Kurs jedoch deutlich darunter.
Für viele Analysten ist genau diese Diskrepanz spannend. Denn sie könnte darauf hindeuten, dass Bitcoin im Verhältnis zu seiner langfristigen Netzwerkwachstumsrate aktuell günstiger bewertet wird als üblich. Burnett vermutet deshalb, dass eine größere Kapitalrotation in Richtung Bitcoin bevorstehen könnte. Besonders institutionelles Kapital könnte laut dieser These zunehmend nach knappen Assets suchen, falls die globale Liquidität weiter steigt und klassische Märkte bereits hoch bewertet bleiben.
Warum Experten dennoch vor zu viel Euphorie warnen
Trotz der auffälligen Bewertungsmodelle warnen einige Marktbeobachter davor, daraus automatisch einen unmittelbar bevorstehenden Bullenmarkt abzuleiten. Genau darauf weist auch der bekannte Analyst „Stockmoney Lizards“ hin. Seine Kernthese: Bitcoin kann gleichzeitig günstig bewertet sein und trotzdem weiter fallen oder über Monate seitwärts laufen.
Damit spricht er einen wichtigen Punkt an, den viele Anleger laut ihm unterschätzen. Bewertungsmodelle wie das Power Law oder die globale Liquiditätsanalyse zeigen vor allem langfristige Abweichungen und potenzielle Chancen auf. Sie liefern jedoch keine exakten Timing-Signale für kurzfristige Kursbewegungen. Märkte bewegen sich nicht allein auf Basis fairer Bewertungen, sondern auch durch Sentiment, Liquidität, Makroereignisse und Positionierungen der Marktteilnehmer.
Der Analyst hält deshalb selbst tiefere Kurse im Bereich um 53.000 US-Dollar weiterhin für möglich. Gleichzeitig erklärt er aber auch, bereits Bitcoin zu akkumulieren. Für ihn ist das aktuelle Umfeld vor allem ein Geduldsspiel. Anleger müssten akzeptieren, dass ein Markt über längere Zeit irrational oder unterbewertet bleiben könne.
Genau das macht die aktuelle Situation bei Bitcoin so komplex. Einerseits häufen sich Daten, die auf eine historische Unterbewertung hinweisen. Andererseits bleibt das Momentum schwach und die Unsicherheit an den Märkten hoch. Für langfristig orientierte Investoren könnte das dennoch eine Phase sein, die rückblickend deutlich spannender wirkt als sie sich aktuell anfühlt.
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