Ethereum-Angebot schrumpft: Droht ein struktureller Supply-Squeeze?
Rund 11 % des gesamten ETH-Angebots liegt noch auf zentralisierten Börsen – ein Mehrjahrestief, das aus On-Chain-Daten klar ablesbar ist. Im Juni 2020 waren es noch 32 %. Gleichzeitig notiert Ethereum bei knapp 2.100 USD, mehr als 58 % unter dem Allzeithoch vom August 2025. Die Oberfläche sieht bärisch aus; die Angebotsstruktur erzählt eine andere Geschichte.
Drei Faktoren – sinkende Exchange-Reserven, ein strukturell deflationärer Burn-Mechanismus und ein wachsender Staking-Pool – verengen das frei handelbare Angebot messbar. Ob daraus ein preisrelevanter Supply-Squeeze wird, hängt jedoch von der Nachfrageseite ab.
Wie die Burn-Rate das Angebot mechanisch verknappt
Seit EIP-1559 im August 2021 wird ein Teil der Transaktionsgebühren auf dem Ethereum-Mainnet dauerhaft vernichtet. Die Netto-Inflationsrate nach The Merge liegt laut ultrasound.money in ruhigen Netzwerkphasen bei rund +0,5 % bis +1,0 % jährlich – Ethereum ist also aktuell mild inflationär. Der Knackpunkt: In Hochaktivitätsphasen – DeFi-Booms, NFT-Zyklen, starke On-Chain-Nachfrage – überschreitet die Burn-Rate die Neuemission und ETH wird netto deflationär.
Durch die Dencun-Upgrade-Einführung von Blobs im März 2024 wurden Layer-2-Transaktionskosten drastisch gesenkt, was kurzfristig die Mainnet-Burn-Rate gedämpft hat. Das Basisnetz emittiert seither mehr ETH als es verbrennt. Für eine echte deflationäre Phase braucht es wieder deutlich höhere Mainnet-Aktivität – oder einen Nachfrageschub, der die Gebühren auf die Breakeven-Schwelle treibt.
Staking entzieht dem Markt immer mehr ETH
Über 30 Millionen ETH – rund 25 % des Gesamtangebots – sind derzeit im Beacon-Chain-Staking gebunden. Nach dem Shanghai-Upgrade im April 2023, das erstmals Abhebungen ermöglichte, hat die Staking-Beteiligung nicht abgenommen, sondern zugenommen. Der effektiv handelbare Float des ETH-Markts ist damit strukturell kleiner als die Gesamtmarktkapitalisierung suggeriert.
Institutionelle Staking-Protokolle wie Lido und Coinbase dominieren dieses Segment mit kombinierten Anteilen von über 40 % aller gestakten ETH. Sie fungieren als dauerhafter Liquiditätsentzug: Das Unstaking dauert mehrere Tage, spontane Verkäufe aus dem Staking-Pool sind strukturell verzögert. Auch Bitmine Immersion Technologies akkumuliert ETH systematisch als Treasury-Asset – ein weiteres Zeichen institutioneller Nachfrage, die Angebot vom Markt nimmt.
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Exchange-Reserven auf Mehrjahrestief: Was die Abflüsse signalisieren
Die On-Chain-Datenlage ist eindeutig: Der Anteil des ETH-Angebots auf zentralisierten Börsen ist von 32 % im Juni 2020 auf aktuell rund 11 % gefallen – ein vertikaler Rückgang, der sich laut Marktdaten besonders seit Anfang 2026 beschleunigt hat. Daten von CryptoQuant und Glassnode bestätigen den Trend: ETH verlässt Börsen in einem Ausmaß, das historisch oft Akkumulationsphasen vorausging.

Quelle: CryptoQuant
Die mechanische Konsequenz ist direkt: Weniger ETH auf Exchanges bedeutet weniger sofort verfügbares Verkaufsangebot. Bei plötzlich steigender Nachfrage – etwa durch ETF-Zuflüsse oder DeFi-Aktivität – trifft diese auf ein strukturell ausgedünntes Orderbuch. Die Angebotsmechanik verschiebt sich – doch der Preis hat dies noch nicht vollständig eingepreist.
Ähnliche Dynamiken waren zuletzt bei anderen Assets zu beobachten, wo sinkende Exchange-Bestände als Frühindikator für Angebotsschocks gewertet wurden.
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Bullisches Szenario: Wann wird der Supply-Squeeze preisrelevant?
Das bullische Szenario setzt eine klare Bedingung: Wenn die Nachfrage nach ETH anzieht – getrieben durch Zuflüsse in US-Spot-ETFs, steigende DeFi-TVL oder erhöhte Mainnet-Aktivität oberhalb der Burn-Breakeven-Schwelle – trifft diese Nachfrage auf ein historisch knappes Angebot. Das Ergebnis wäre eine überproportionale Preisreaktion.
Konkrete Katalysatoren: eine Erholung der US-Spot-ETH-ETF-Zuflüsse (die Assets under Management brachen von 31,8 Mrd. USD im Oktober 2025 auf 11,8 Mrd. USD zu Beginn von Q2 2026 ein), steigende Layer-1-Transaktionsgebühren über die Deflationsschwelle sowie das für spätes 2026 geplante Pectra-Upgrade, das Staking-Limits erhöht und ZK-Proofs integriert. Analysten auf Binance Square bezeichnen ETH bei aktuellem Niveau als „technisch überverkauft” mit einem Abschlag von über 35 % zum gleitenden Jahresdurchschnitt.
Bärisches Szenario: Supply-Squeeze ohne Nachfrage verpufft
Das Gegenargument ist strukturell: Sinkendes Angebot allein erzeugt keinen Preisanstieg, solange die Nachfrage nicht mitzieht. Ethereum kämpft mit einem fundamentalen Ertragsdilemma: Layer-2-Netzwerke wie Base und Polygon kanalisieren wachsende Nutzerzahlen am Mainnet vorbei, was die Gebühreneinnahmen der Basisschicht und damit die Burn-Rate unter Druck setzt.
Bearish positionierte Analysten wie der YouTube-Kanal HKCM prognostizieren eine verlängerte Konsolidierungsphase bis Ende 2026. Die makroökonomische Kulisse – steigende Energiepreise, US-Zinsunsicherheit, neue Zollregime – belastet Risk-Assets strukturell. Und mit einem ETH-Kurs von mehr als 58 % unter dem Allzeithoch ist das Vertrauen institutioneller Anleger messbar gesunken. Supply-Squeeze-Narrative überzeugen Märkte erfahrungsgemäß erst dann, wenn sie von realem Nachfragewachstum begleitet werden.
ETH-Kurs: Entscheidende Marken im Blick
Technisch bewegt sich ETH in einer fragilen Struktur. Der Bereich um 2.000–2.100 USD fungiert als kurzfristige Unterstützungszone; ein Bruch darunter würde den Weg in Richtung 1.800 USD öffnen, wo sich historische Demand-Zonen aus dem Jahr 2024 befinden. Auf der Oberseite liegt der erste relevante Widerstand bei 2.400 USD, gefolgt von der 200-Tage-EMA, die aktuell deutlich höher verläuft.
Der RSI auf dem Wochenchart bewegt sich im überverkauften bis neutralen Bereich – ein Hinweis auf fehlenden Kaufdruck, aber auch auf begrenztes zusätzliches Abwärtspotenzial bei positivem Nachfrageschub. Solange ETH die 2.400 USD nicht zurückerobert, bleibt das Chartbild technisch bärisch, unabhängig von der Angebotsstruktur.
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Fazit: Strukturell bullisch, kurzfristig abhängig vom Markt
Die Angebotsdaten für Ethereum sind strukturell bullisch: sinkende Exchange-Reserven auf 11 %, 25 % des Angebots im Staking gebunden, ein Burn-Mechanismus, der bei steigender Aktivität sofort deflationär wirkt. Das ist keine oberflächliche Narrative – es ist messbare Marktstruktur.
Kurzfristig überwiegen jedoch die bärischen Kräfte: schwache ETF-Zuflüsse, L2-Kannibalisierung der Mainnet-Einnahmen und ein risk-off geprägtes Makroumfeld. Der nächste entscheidende Katalysator wird eine Erholung der Spot-ETH-ETF-Zuflüsse oder ein messbarer Anstieg der Mainnet-Gebühren sein. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das strukturell verknappte Angebot auf genug Nachfrage trifft, um die Divergenz zwischen On-Chain-Daten und Kursentwicklung aufzulösen.
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